Trinkmahlzeiten aus dem Supermarkt im Check: Statt Essen nur trinken?

Pressemitteilung vom
Schnell, praktisch und als vollständige Mahlzeit beworben: Trinkmahlzeiten sollen eine komplette Mahlzeit ersetzen. Die Verbraucherzentrale Bremen hat 16 verzehrfertige Trinkmahlzeiten aus Supermärkten untersucht, jeweils zwei Produkte von acht Marken.
Eine weiße Plastikflasche mit blauem Deckel und der Aufschrift „Trinkmahlzeit“
Trinkmahlzeiten können praktisch sein, herkömmliche Mahlzeiten aber nicht dauerhaft ersetzen.
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Die Untersuchung zeigt, dass die Trinkmahlzeiten relevante Energiemengen liefern, sich jedoch in ihrer Nährstoffzusammensetzung zum Teil deutlich unterscheiden. Die Mehrzahl basiert entweder auf fettarmer Milch oder auf Wasser mit pflanzlichen Proteinquellen wie Erbse, Hafer oder Sonnenblume. Zur Energieanreicherung werden vor allem Zucker oder Maltodextrin sowie pflanzliche Öle wie Raps- oder Sonnenblumenöl eingesetzt. Typisch sind außerdem zugesetzte Ballaststoffe sowie umfangreiche Vitamin- und Mineralstoffmischungen und verschiedene Zusatzstoffe wie Stabilisatoren, Emulgatoren und Aromen. Insgesamt zeigen die Produkte eine Nährstoffverteilung mit vergleichsweise hohen Eiweiß- und Fettgehalten und moderaten Kohlenhydratmengen. Nach den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung sollten etwa mehr als die Hälfte der täglichen Energie aus Kohlenhydraten, rund 30 Prozent aus Fett und etwa 10 bis 15 Prozent aus Eiweiß stammen. „Wer Trinkmahlzeiten regelmäßig nutzt, sollte die übrige Ernährung entsprechend anpassen, damit die Nährstoffverteilung über den Tag ausgewogen bleibt“, sagt Helena Nareyka, Ernährungsexpertin der Verbraucherzentrale Bremen. Auffällig ist zudem, dass ein großer Teil der enthaltenen Kohlenhydrate aus einfachen Zuckern stammt, während komplexe Kohlenhydrate nur eine untergeordnete Rolle spielen. Gleichzeitig werden in vielen Produkten Süßungsmittel eingesetzt.

Eine Flasche gilt meist als eine Portion, aber wie viele empfehlen die Hersteller?

Bei den meisten Produkten entspricht eine Portion einer 500-Milliliter-Flasche, vereinzelt sind die Portionen etwas kleiner. Der Energiegehalt pro Portion liegt im Durchschnitt bei 445 Kilokalorien (kcal). Das entspricht etwas weniger als einem Viertel einer durchschnittlich angenommen täglichen Kilokalorienzufuhr von 2 000 kcal. Konkrete Empfehlungen zur täglichen Verzehrmenge finden sich nur selten. Ein Anbieter empfiehlt maximal zwei Flaschen pro Tag. Ein anderer weist darauf hin, dass eine Portion eine Mahlzeit ersetzen kann.

Abgrenzung: Trinkmahlzeiten sind keine diätetischen oder medizinischen Produkte

Die im Marktcheck untersuchten Trinkmahlzeiten sind als herkömmliche Lebensmittel einzuordnen, ebenso wie beispielsweise Protein- oder Sportlerprodukte. Sie werden als praktische Mahlzeit für den Alltag vermarktet und richten sich an die Allgemeinbevölkerung. Für diese Produkte gelten die allgemeinen Kennzeichnungsvorschriften für Lebensmittel, besondere gesetzliche Vorgaben zur Zusammensetzung bestehen jedoch nicht.

Davon zu unterscheiden sind Mahlzeitenersatzprodukte zur Gewichtsreduktion. Diese sind speziell für eine kalorienreduzierte Ernährung konzipiert und unterliegen eigenen gesetzlichen Anforderungen an Energiegehalt, Nährstoffzusammensetzung und Kennzeichnung. Auch Lebensmittel für besondere medizinische Zwecke (bilanzierte Diäten) gehören nicht in diese Kategorie. Sie sind für Menschen mit Erkrankungen oder besonderen ernährungsmedizinischen Bedürfnissen bestimmt und sollten nur unter ärztlicher Aufsicht verwendet werden.

Vitamine und Mineralstoffe: Beitrag einer durchschnittlichen Mahlzeit wird erreicht

Die Kennzeichnung der Vitamine und Mineralstoffe erfolgt gesetzlich auf Grundlage der europäischen Referenzwerte für die tägliche Nährstoffzufuhr (NRV). Diese Werte dienen der Orientierung für die allgemeine Bevölkerung.

Bezugnehmend auf den NRV-Wert pro Portion liefern die untersuchten Produkte in der Regel relevante Mengen an Vitaminen und Mineralstoffen und können damit einen spürbaren Beitrag zur Nährstoffversorgung leisten. Bei vielen Nährstoffen erreichen die Produkte etwa ein Viertel bis zur Hälfte der täglichen Referenzmenge. „Das entspricht im Schnitt dem Anspruch, eine Mahlzeit zu ersetzen“, so Nareyka. „Positiv ist außerdem, dass bei keinem der untersuchten Produkte die tolerierbaren Höchstmengen für Vitamine oder Mineralstoffe erreicht oder überschritten werden.“

Vitamin D, Jod und Folsäure: sinnvoller Beitrag zur Versorgung

Ein besonderer Blick gilt Nährstoffen, bei denen die Versorgung in Deutschland häufiger mal als unzureichend oder grenzwertig gilt, insbesondere Vitamin D, Jod und Folsäure. Diese Nährstoffe erfüllen wichtige Funktionen für Gesundheit und Stoffwechsel. Vitamin D ist unter anderem für Knochen, Immunsystem und Muskelfunktion relevant und wird neben der Aufnahme über Lebensmittel vor allem durch Sonneneinstrahlung in der Haut gebildet. Jod wird für die Produktion von Schilddrüsenhormonen benötigt und Folsäure spielt eine wichtige Rolle bei Zellteilung und Blutbildung, wobei eine ausreichende Versorgung besonders für Frauen im gebärfähigen Alter von Bedeutung ist. Die untersuchten Trinkmahlzeiten liefern bei diesen Nährstoffen überwiegend etwa 20 bis 40 Prozent der Referenzmenge pro Portion und erreichen damit einen Beitrag, der in etwa dem einer üblichen Einzelmahlzeit entspricht. Auch typische jodhaltige Mahlzeiten mit Milchprodukten bewegen sich häufig in diesem Bereich. Nur wenige Lebensmittel wie fettreicher Seefisch tragen einen nennenswerten Beitrag zur Vitamin-D-Versorgung bei. Vor diesem Hintergrund können Trinkmahlzeiten hier einen sinnvollen Beitrag leisten, auch wenn sie den Tagesbedarf nicht vollständig decken. Vorsicht ist geboten, wenn zusätzlich noch Nahrungsergänzungsmittel oder angereicherte Lebensmittel wie Cerealien, Säfte oder anderes aufgenommen werden, da sich die Zufuhr einzelner Nährstoffe aus verschiedenen Quellen addieren kann und dadurch langfristig höhere Mengen aufgenommen werden könnten als empfohlen. Insgesamt tragen Trinkmahlzeiten damit auch bei kritischen Nährstoffen in einem Umfang zur Versorgung bei, der dem Beitrag einer normalen Mahlzeit entspricht. Eine ausgewogene Ernährung mit verschiedenem Obst, Gemüse und Vollkornprodukten kann ein standardisiertes Produkt jedoch nicht dauerhaft ersetzen.

Teilweise sehr hohe Gehalte ohne zusätzlichen Nutzen

Neben kritischeren Nährstoffen finden sich in den Trinkmahlzeiten auch Vitamine und Mineralstoffe, bei denen eine hohe Anreicherung aus ernährungsphysiologischer Sicht meist nicht erforderlich ist. Dazu zählen insbesondere Vitamin E, mehrere B-Vitamine sowie Spurenelemente wie Phosphor, Chrom oder Molybdän, deren Versorgung über die übliche Ernährung in der Regel gesichert ist. Während Vitamin A meist in angemessenen Mengen von etwa 20 bis 30 Prozent der Referenzmenge enthalten ist, erreichen einzelne Produkte bei Vitamin E, B-Vitaminen oder bestimmten Spurenelementen teilweise sehr hohe Werte bis zu oder über 100 Prozent pro Portion. „Solche hohen Mengen sind zwar gesundheitlich unbedenklich, da die tolerierbaren Höchstmengen nicht überschritten werden, bringen aber keinen zusätzlichen Nutzen. Entscheidend ist nicht ein möglichst hoher Prozentwert, sondern ein ausgewogener Beitrag zur täglichen Versorgung“, betont die Bremer Ernährungsexpertin. Hohe Prozentangaben bei einzelnen Nährstoffen sind daher kein Qualitätsmerkmal.

Zucker und Süßungsmittel fast immer enthalten

Alle untersuchten Trinkmahlzeiten enthalten Zucker oder andere süßende Zutaten. Ein Teil stammt aus der häufig verwendeten Milchbasis und liegt als natürlicher Milchzucker vor, zusätzlich werden energieliefernde Kohlenhydrate wie Maltodextrin sowie weitere Zuckerquellen wie Rohrzucker, Sirupe oder Nektare eingesetzt. Häufig werden mehrere solcher Zutaten miteinander kombiniert, was den Zuckergehalt für Verbraucherinnen und Verbraucher beim Blick auf die Zutatenliste schwerer einschätzbar machen kann. Hier hilft nur der Blick auf die Nährwertkennzeichnung. In zwölf der sechzehn Produkte werden außerdem Süßungsmittel wie Sucralose oder Acesulfam K verwendet, häufig in Kombination. Der Zuckergehalt liegt zwischen 5,5 und 37 Gramm pro Flasche und beträgt im Durchschnitt 21,2 Gramm. Damit liefert eine Portion im Schnitt rund 40 Prozent der von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung empfohlenen maximalen Tagesmenge von etwa 50 Gramm freiem Zucker. Einzelne Produkte erreichen sogar bis zu etwa drei Viertel dieses Wertes. „Wenn eine Trinkmahlzeit eine herzhafte Hauptmahlzeit ersetzen soll, fällt der Zuckergehalt oft überraschend hoch aus“, erklärt Nareyka. Da herkömmliche Hauptmahlzeiten in der Regel deutlich weniger Zucker enthalten, kann der regelmäßige Verzehr solcher Getränke die tägliche Zuckeraufnahme spürbar erhöhen und das Risiko für Übergewicht, Typ-2-Diabetes und Karies begünstigen.

Fazit der Verbraucherzentrale

Trinkmahlzeiten können in Einzelfällen eine praktische Lösung sein, etwa wenn wenig Zeit zur Verfügung steht oder unterwegs keine andere Mahlzeit möglich ist. Als dauerhafter Ersatz für herkömmliche Mahlzeiten sind sie jedoch nicht geeignet. Auffällig sind insbesondere der häufig hohe Eiweiß- und Fettgehalt sowie zum Teil erhebliche Zuckermengen, die bei regelmäßigem Verzehr die Nährstoffbilanz ungünstig beeinflussen können.

Darüber hinaus erfüllen Mahlzeiten mehr als die Funktion der Energie- und Nährstoffversorgung. „Essen ist mehr als reine Nährstoffzufuhr. Es spricht alle Sinne an und hat auch eine wichtige soziale Funktion. Kauen, unterschiedliche Texturen und Geschmäcker fördern das Sättigungsgefühl und unterstützen ein natürliches und bewusstes Essverhalten“, erklärt Helena Nareyka.

Trinkmahlzeiten sind zudem technisch zusammengesetzte Produkte. Sie enthalten isolierte Zutaten wie Proteine, Öle, Zucker sowie zugesetzte Vitamin- und Mineralstoffmischungen. Natürliche Lebensmittel liefern Nährstoffe dagegen in einem komplexen Verbund. Neben Vitaminen und Mineralstoffen enthalten sie auch sekundäre Pflanzenstoffe, natürliche Ballaststoffe und weitere bioaktive Substanzen, die in isolierter Form nicht vollständig ersetzt werden können.

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