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Mitschuldig – ein Kommentar zur Überschuldung

Die private Verschuldung in Deutschland steigt weiter und nimmt in manchen Regionen geradezu dramatische Ausmaße an. In Bremen ist bereits jeder siebte Haushalt überschuldet, in Bremerhaven sogar jederfünfte. Dabei markiert diese Überschuldungsquote nur die Spitze des Eisberges.Die Zahl der Haushalte, die nicht überschuldet,aber dauerhaft verschuldet ist, liegt noch weitaus höher.

Fragt man nach den Triebfedern dieser Entwicklung, so scheinen die Antworten auf der Hand zu liegen: die anhaltend hohe Arbeitslosigkeit und die stagnierende Einkommensentwicklung einerseits; die Unfähigkeit vieler Menschen, mit ihren finanziellen Möglichkeiten richtig umzugehen, andererseits. Die Erklärungen treffen in vielen Fällen zu, sind jedoch nicht die ganze Wahrheit, weil sie eine dritte Komponente übersehen: Die Gläubiger – allen voran die Banken, bei denen 70 Prozent der Verschuldeten in der Kreide stehen. Auf den ersten Blick erscheinen sie oftmals als Opfer, die bei hoffnungslos überschuldeten Haushalten selbst das Nachsehen haben. Tatsächlich herrscht in der Branche des Konsumentenkredits Goldgräberstimmung wie nie. Nachdem einige Spezialbanken demonstriert haben, welch fette Gewinne sich in diesem kleinteiligen Geschäft machen lassen, steht die Ausweitung des Ratenkreditgeschäfts derzeit bei fast allen Geldinstituten ganz oben auf der Agenda.

Dabei haben gerade die Marktführer in dieser Sparte gezeigt, dass es nicht allein darauf ankommt, mit hochgradig durchrationalisierten Strategien eine vorhandene Kreditnachfrage zu bedienen. Der Erfolg des Geschäftsmodells besteht vielmehr darin, immer neue Kreditnehmer zu rekrutieren, diese systematisch zu Dauerschuldnern zu entwickeln und dabei die Grenzen der Kreditvergabe immer weiter auszudehnen.

Dass die Grenzen dabei mitunter auch überschritten werden, ist einkalkuliert – mit den „erwarteten Ausfällen“, die bereits in den Kreditzins eingerechnet sind.Die „Kunst“ des Geschäfts besteht darin, auch dann noch Kredite zu vergeben, wenn bei anderen Banken die Ampeln längst auf Rot stehen. Im Kern ist das eine Frage des Risikomanagements und vor allem der Fähigkeit, ausreichend hohe Risikoprämien in die

Kreditkosten einzupreisen. Hier gab es lange Zeit ein Hemmnis: Ein Kreditzins, der mehr als doppelt so hoch ist wie der Marktdurchschnitt, gilt als sittenwidrig und kann daher zinslos zurückgezahlt werden. Für dieses „Problem“ haben die Vorreiter der Branche aber inzwischen eine Lösung gefunden: durch den gleichzeitigen Verkauf von teuren Restschuldversicherungen, deren Prämien zu gut der Hälfte als Provision in die Taschen der Banken fließen.

Dieses Geschäft wird inzwischen in geradezu exzessiver Weise betrieben: Einmalprämien für eine Restschuldversicherung von mehreren Tausend Euro sind keine Seltenheit. Die wirklichen Kosten sind sogar noch weitaus höher und betragen oft annähernd das Doppelte, weil die Prämien durch eine Aufstockung des Kredits mitfinanziert werden. So ergeben sich effektive Jahreszinsen, die vielfach zwischen 20 und 30 Prozent liegen und in besonders dreisten Fällen auch mal die 40-Prozent-Grenze überschreiten.

In den Kreditverträgen stehen jedoch regelmäßig nur Sätze um die 10 Prozent. Der Grund: Angeblich sind es immer die Kunden selbst, die diese Versicherungen wünschen – und dann brauchen deren Kosten nicht in den effektiven Jahreszins eingerechnet werden. Mit dieser Masche wird die alte Rechtsprechung zum sittenwidrigen Kredit mittlerweile systematisch unterlaufen und hat sich eine neue Form des Wucherkredites in Deutschland etabliert. Von der Politik wird diese Verwilderung der Sitten bislang leider hartnäckig ignoriert. Sie kuriert lieber nur an den Folgen. Wer Verschuldung und Überschuldung wirksam bekämpfen will, muss aber auch bei denen ansetzen, die sich an ihr eine goldene Nase verdienen.

Stand: November 2006

Fr, 18. Mai 2007

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