Lebensmittelimitate – wo werden wir beschummelt?
„Schinken“ aus zerkleinertem Fleisch, viel Wasser und einer Reihe von Zusatzstoffen, „Käse“, der nie eine Kuh gesehen hat oder Surimi-„Garnelen“ aus der Retorte – oft genug werden Verbraucher über die tatsächliche Qualität von Lebensmitteln getäuscht. Ärgerlich: Es ist für Kunden häufig schwierig, die Wahrheit herauszubekommen, besonders in einem Imbiss oder Restaurant. Bei Fertiglebensmitteln aus den Regalen und Kühltheken eines Supermarktes hilft ein Blick auf die Zutatenliste. Aber einfach ist das auch nicht immer – kommt doch beispielsweise eine Thunfischpizza locker auf über 30 (!) verschiedene Zutaten und Zusatzstoffe.
Untersuchungen in einigen Bundesländern zeigen, dass gerade bei angeblichem Schinken kräftig gemogelt wird. So wurden beispielsweise in Hessen zwischen 2006 und 2009 in der Gastronomie fast 70 % des Schinkens wegen falscher Kennzeichnung beanstandet, in Bayern wurden im Jahr 2008 fast 40 % als Imitate enttarnt. Schinkenimitate – nicht zu verwechseln mit Formfleischschinken – haben nur einen Fleischgehalt zwischen 50 und 65 %, der Rest besteht aus Wasser, Stärke, Geliermittel, Eiweiß und Zusatzstoffen. Im Kühlregal eines Supermarktes oder an der Wursttheke findet man so etwas kaum, sondern eher beispielsweise auf einer gut gewürzten Pizza. Und wer lässt sich schon beim Imbiss oder in einer Pizzeria die Zutatenliste der einzelnen Pizzabestandteile zeigen?
Damit wären wir bereits beim nächsten Schummelklassiker. Die Imbiss-Pizza enthält häufig nicht nur keinen Schinken, sondern oft auch keinen Käse. Auch den würde man nur anhand der Zutatenliste entlarven können – herausschmecken lässt sich die Schummelei nicht. Eine Komposition aus Pflanzenfett, Eiweiß und Aromastoffen ist billiger als echter Käse und lässt sich zudem viel höher erhitzen. Untersuchungen belegen, dass auch viele überbackene „Käsebrötchen“ oder „Käsecroissants“ oder „Käselaugenstangen“ nichts mit Käse zu tun haben. Vor drei Jahren wurde bei einer bundesweiten Überprüfung festgestellt, dass es sich bei 27 % der untersuchten Produkte um Imitate gehandelt hat. Übrigens – das Wort Käse darf bei der Kennzeichnung auch nur für echten Käse verwendet werden, Begriffe wie „Analogkäse“ oder „Käseimitat“ sind nicht erlaubt.
Anders als bei falschem Schinken und Käse gibt es für Surimi einen festgelegten Begriff. Aus Surimi, dabei handelt es sich um zerkleinertes Fischmuskelfleisch mit vielen anderen Zutaten und Zusatzstoffen, können zum Beispiel Krabben,Tintenfisch oder Langustenschwänze nachgemacht werden. Entsprechend lautet die Kennzeichnung: „Surimi, (z.B.)Krabbenimitat aus Fischmuskeleiweiß geformt“.
Die genannten Beispiele für Imitate stehen für einen grundsätzlichen Trend bei der Lebensmittelverarbeitung – zu sparen, wo es nur irgendwie geht. In Deutschland ist der Preisdruck auf die Lebensmittelerzeuger, Verarbeiter und auf die Händler so groß, wie in keinem anderen Land in Europa. Vor allem die Discounter sorgen für einen nie da gewesenen Preiskampf. Das führt zu immer mehr Imitaten anstelle echter Zutaten, zu immer mehr Aromastoffen anstelle von Früchten oder auch zu versteckten Preiserhöhungen in Form von klammheimlich verkleinerten Verpackungen.
Diese Entwicklung ist nur schwerlich aufzuhalten. Hinzu kommt, dass viele Verbraucher aufgrund ihrer wirtschaftlichen Situation auf preiswerte Lebensmittel angewiesen sind. Und solche mit einem besser gefüllten Portemonnaie sollten bedenken: Bei Lebensmitteln ist Geiz nicht wirklich geil. Kleine, handwerklich arbeitende Lebensmittelerzeuger, gute Fachgeschäfte und der Landwirt mit seinem Hofladen oder Marktstand können preislich mit Discountern und Supermärkten nicht mithalten. Wer diese Vielfalt erhalten möchte, möge dort auch einkaufen – zumindest ab und zu. Und eine kritische Nachfrage bei der nächsten Pizza oder beim Käsecroissant kann auch nicht schaden.
Do, 15. Apr 2010



