Verschwindet die Frischmilch aus den Kühlregalen?
Kennzeichnung für ESL- Milch gefordert
Das Mittelding zwischen Frisch- und H-Milch heißt in Fachkreisen ESL-Milch. Die Abkürzung steht für Extended Shelf Life, was übersetzt bedeutet „längeres Leben im Kühlregal“. Eher bekannt ist sie unter Bezeichnungen wie „länger frisch“, „maxifrisch“ oder „extra langer Frischegenuss“. In den letzten Jahren verzeichnete diese Milch enorme Zuwachsraten, und seit auch Discounter sie im Angebot haben, legt ihr Marktanteil nochmals deutlich zu.
Die Vitaminverluste halten sich in der ESL- Milch in Grenzen, mit ca. 10% sind sie etwas höher als bei der Frischmilch, aber deutlich geringer als bei der H-Milch mit etwa 20%. Aber auch im Haushalt schreitet der Vitaminabbau mit zunehmender Lagerdauer weiter voran.
Im Geschmack teilweise fast wie Frischmilch, ist sie im Gegensatz zu dieser etwa 3 Wochen haltbar. Das erscheint nützlich für alle Menschen, die wenig Milch verbrauchen, nicht so häufig einkaufen und sich bevorraten möchten. Besonders attraktiv ist sie jedoch für den Handel, der damit ein geringeres Risiko trägt, bei Nachfrageschwankungen auf seinen Beständen mit abgelaufenen Mindesthaltbarkeitsdaten sitzen zu bleiben. Deshalb drängt der Handel auch die Molkereien, ihre ESL-Kapazitäten auszubauen. Die Frage ist, ob Verbraucher in Anbetracht dieser rasanten Entwicklung in absehbarer Zeit überhaupt noch eine Alternative beim Einkauf haben. Die Frischmilch scheint ein Auslaufmodell zu sein und das ärgert viele Verbraucher, die sich schon in der Verbraucherzentrale darüber beschwert haben. Eine kleiner Check der Verbraucherzentrale in der Bremer Innenstadt und im Steintor in 17 verschiedenen Geschäften (13 Supermärkte, Discounter und Verbrauchermärkte sowie 4 Bioläden) bestätigt das Verschwinden der Frischmilch: Im konventionellen Einzelhandel wurde nur noch in knapp der Hälfte der Geschäfte (6 von 13) „echte“ Frischmilch angeboten. Bei den 4 Bioläden bzw. Bio-Supermärkten gab es sie in jedem Geschäft. ESL-Milch war in allen 17 Geschäften zu finden.
Versierte Milchtrinker erkennen einen geschmacklichen Unterschied und lehnen den leichten Kochgeschmack der ESL-Milch ab, der aber offensichtlich nur bei einem bestimmten Verfahren auftritt. Es gibt für die Molkereien unterschiedliche Möglichkeiten der Keimverminderung und der verlängertenHaltbarkeit. Der einfachere Weg besteht aus einer Hocherhitzung auf bis zu 127 °C für wenige Sekunden (die nicht zu verwechseln ist mit der Ultrahocherhitzung der H-Milch auf mindestens 135°C). Der aufwändigere Weg besteht aus einer vorgeschalteten Mikrofiltration, bei der die entrahmte Milch durch allerfeinste Filter gegeben wird und dabei Keime entfernt werden. Bei diesem Verfahren reicht dann anschließend ein normales Pasteurisieren bei 72 - 75°C.
Die Verbraucherzentrale kritisiert, dass die genaue Art der Herstellung von ESL- Milch nicht eindeutig gekennzeichnet wird. Menschen, die den leichten Kochgeschmack nicht mögen, aber nur noch länger haltbare Milch in den Kühlregalen finden, sollten deshalb im Geschäft nach einer pasteurisierten Variante fragen.
Grundsätzlich darf jedoch die Kennzeichnung der ESL- Milch nicht mehr allein der Kreativität der Werbestrategen überlassen werden, nach Meinung der Verbraucherzentrale Bremen ist eine Kennzeichnung nach einheitlichen Vorgaben längst überfällig.
Mi, 12. Nov 2008



