Industrie redet ihre Produkte schön: Clean Labeling bei Lebensmitteln
Der werbewirksame Verzicht auf Geschmacksverstärker, künstliche Aromen, Farb- und Konservierungsstoffe liegt voll im Trend. Hersteller verpassen Getränken, Milchprodukten, Tiefkühlkost und Fertiggerichten ein natürliches Image und machen dies auf ihren Produkten mit so genannten „Clean Labels“ (saubere Etiketten) deutlich. Doch das ist häufig Augenwischerei und grenzt sogar teilweise an Verbrauchertäuschung. Eine bundesweite Untersuchung der Verbraucherzentralen zeigt es: Die Lebensmittel sind oft längst nicht so „natürlich“, wie es auf der Verpackung suggeriert wird. 151 verschiedene Produkte aus zwölf verschiedenen Lebensmittelgruppen, die mit Clean Labels versehen waren, haben sich die Verbraucherschützer einmal genauer angesehen. So werden bei 68 Produkten, die laut Verpackungsangabe zum Würzen auf Geschmacksverstärker wie Glutamat verzichten, andere geschmacksverstärkende Zutaten – zum Beispiel Hefeextrakte – verwendet. Hefeextrakt klingt „naturnah“, vielleicht sogar gesund. Es ist aber ein hoch verarbeitetes Industrieprodukt und vor allem enthält es Glutamat. Der große Vorteil für die Industrie: Dieses Glutamat darf sich quasi im Hefeextrakt verstecken – es muss nicht gekennzeichnet werden. Besonders ärgerlich: Selbst Hersteller von Biolebensmitteln nutzen die Versteckmöglichkeit, um ihre verarbeiteten Lebensmittel geschmacklich aufzupeppen.
Die Verbraucherzentrale Bremen hat sich im Rahmen der Untersuchung Chips und andere Knabberartikel vorgenommen. Ob ungarische Chips von funny-frish oder die Paprika-Chips von Bahlsen, ob Pom-Bär von Wolf Snack oder die Kartoffelsticks von netto – alle werben damit, keine künstlichen Geschmackverstärker zu enthalten. Aber Hefeextrakt ist beigemischt – und damit der Geschmacksverstärker Glutamat.
„Hübsch-Ersatz“ gibt es auch bei den Farb-, Aroma- und Konservierungsstoffen. So enthalten rund zwei Drittel der untersuchten Lebensmittel ausdrücklich keine „Farbstoffe“ oder keine „künstlichen Farbstoffe“. Doch weder hat die Tomatensuppe ihr kräftiges Rot nur durch die Tomaten, noch der Erdbeerjoghurt sein Rosarot durch viele(!) Erdbeeren. Da müssen Rote Beete-Pulver oder Kürbis- und Karottenkonzentrate optisch nachhelfen. Und bei 70 Prozent der Produkte, die laut Etikett „ohne künstliche Aromen“ hergestellt sind, werden stattdessen Geschmackstoffe verwendet, die nicht als künstlich gelten, jedoch trotzdem aus dem Labor stammen. Konservierungsstoffe wiederum, bei denen viele Verbraucher besonders skeptisch sind, werden durch saure Zutaten, wie zum Beispiel Essig, Apfel- oder Zitronensäure ersetzt.
Fazit des Clean-Labeling-Checks der Verbraucherzentralen: Die Aufwertung von Lebensmitteln durch Clean Labels ist ein geschicktes Marketinginstrument. Bislang fehlen bei der industriellen Produktion von scheinbar naturbelassenen Lebensmitteln nach Ansicht der Verbraucherzentrale Bremen europaweit einheitliche Kennzeichnungsvorgaben. Der Wildwuchs der verwendeten Formulierungen ist riesengroß - 59 unterschiedliche Bezeichnungen bei 151 Produkten! Allesamt deuten auf den Verzicht von Chemie hin, was für Verbraucher äußerst irritierend ist.
Eine höhere Qualität bei Lebensmittelprodukten, die werbewirksam auf bestimmte Zusatzstoffe verzichten, ist kaum erkennbar. Bei dem derzeit vorherrschenden Kennzeichnungswirrwarr tragen die angeblich sauberen Labels eher dazu bei, Verbraucher beim Kauf eine falsche Naturbelassenheit vorzugaukeln, kritisiert die Verbraucherzentrale Bremen. Sie fordert vom Gesetzgeber daher, klare rechtliche Regelungen für die Gestaltung und Verwendung von Clean Labels zu schaffen und Schlupflöcher zu schließen. So sollte auf einer Verpackung etwa die Angabe „ohne Geschmacksverstärker“ nur dann zulässig sein, wenn weder Geschmacksverstärker noch Ersatzstoffe in der Herstellung verwendet werden.
Der Bericht zum kostenlosen Download:
Mi, 29. Sep 2010



