Auf dem Weg zum neuen „Wohn-Riester“
Etablierte Riester-Anbieter befürchten Geschäftseinbußen / Teil IV
Ab dem kommenden Jahr soll eine bessere Integration des selbstgenutzen Wohneigentums in die staatliche Riester-Förderung erfolgen. Ob tatsächlich eine Verbesserung erreicht wird, hängt jedoch vor allem davon ab, in welchem Umfang angespartes Altersvorsorgekapital aus Riester-Verträgen entnommen und als Eigenkapital für die Eigenheimfinanzierung eingesetzt kann. Der vorliegende Referentenentwurf sieht lediglich eine hälftige Kapitalentnahme vor. Das aber ist wirtschaftlich widersinnig, weil normaler Weise ein Kredit mehr kostet als ein Sparplan an Zinsen einbringt.
Die Beschränkung der Kapitalentnahme ist allerdings nicht nur eine wenig durchdachte Idee. Hinter den Kulissen wird auch aus handfesten wirtschaftlichen Interessen heftig um die Ausgestaltung des Wohn-Riesters gerangelt. Und diese Interessen kollidieren insbesondere bei der Kapitalentnahme.
Für eine uneingeschränkte Entnahme von Altersvorsorgekapital für die Immobilienfinanzierung plädieren bislang lediglich die Verbände der Wohnungswirtschaft. Für sie ist klar, dass jede Beschränkung die finanziellen Spielräume für den Eigenheimerwerb verengt – was natürlich ihren ureigenen Interessen zuwiderlaufen würde.
An einer möglichst restriktiven Regelung der Kapitalentnahme sind demgegenüber die etablierten Anbieter von Riester-Verträgen interessiert. Denn ihnen entgeht Geschäft, wenn Gelder aus bestehenden Verträgen entnommen und für die Eigenheimfinanzierung eingesetzt werden. Vor allem die Versicherungsgesellschaften – bislang die großen Gewinner im Riester-Geschäft – befürchten, dass sie die großen Verlierer des Wohn-Riesters werden. Denn durch die vergleichsweise hohe anfängliche Kostenbelastung eignen sich ihre Produkte am wenigsten für die schnelle Ansparung von Eigenkapital. Da sie den Wohn-Riester nicht rundweg ablehnen können, plädieren die Versicherer für ein „Entnahmemodell 60plus“. Danach soll ein Riester-Sparer das gesamte Vorsorgekapital zur Entschuldung seiner Immobilie einsetzen dürfen – ab erst nach Erreichen des 60. Lebensjahres. Dies würde den Nachteil der Versicherungsprodukte beseitigen und das eigene Geschäft sicherlich am wenigsten stören; für die Eigenheimerwerber wäre das aber nur die wirtschaftlich widersinnige Lösung in modifizierter Form.
Für das Versicherer-Modell machen sich auch die Investmentgesellschaften stark – aus den gleichen eigennützigen Interessen heraus. Auch ihre Produkte sind nur bedingt zum Ansparen von Eigenkapital für die Eigenheimfinanzierung geeignet und die Kapitalentnahme schmälert lediglich das Geschäft. – Etwas anders sieht es bei den Banken und Sparkassen aus, die eigene Riester-Sparverträge anbieten. Diese ermöglichen ein risikoloses Ansparen ohne hohe anfängliche Kostenbelastung und sind daher für viele Sparer, die gezielt auf die eigene Immobilie hin sparen möchten, attraktiver als die Konkurrenzprodukte. Zudem können die Kreditinstitute an der späteren Finanzierung von Wohneigentum profitieren. Forderungen nach einer restriktiven Ausgestaltung des Wohn-Riester sind daher von dieser Seite kaum zu vernehmen.
Gegen jegliche Kapitalentnahme haben sich überraschender Weise auch die Bausparkassen ausgesprochen. Dies entsprang aber offenbar vor allem der Rücksichtnahme auf die Interessen der etablierten Riester-Anbieter und der Hoffnung, so den eigenen Vorschlag für den Wohn-Riester politisch besser durchbringen zu können. Nachdem der Entwurf zur Riester-Reform jetzt auch die Zulassung von Bausparverträgen vorsieht, wird die Branche ihre Haltung wahrscheinlich revidieren. Denn ein Riester-Bausparvertrag würde überhaupt keinen Sinn ergeben, wenn später das angesparte Kapital nicht bei der Eigenheimfinanzierung eingesetzt werden kann.
Da alle beteiligten Akteure über eine einflussreiche Lobby verfügen, ist für die Politik ein „Kompromiss“ in Form einer hälftigen Kapitalentnahme – wie sie jetzt vorgesehen ist – sicherlich verlockend. Für die Förderberechtigten, die am Erwerb von Wohneigentum interessiert sind, wäre dies jedoch ein fauler Kompromiss auf ihre Kosten.
Sa, 30. Sep 2006



